Sonntag, 28. Juni 2009

Mauerstücke - Leseprobe 3




Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten
Hrgs. Bettina Buske und Patricia Koelle
ISBN 978-3-939937-08-1
180 Seiten
30 Farbfotos
Vorwort Walter Momper (Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses)
Geleitwort André Schmitz (Kulturstaatssekretär von Berlin)


Leseprobe
Thomas Gohlke
Berliner Mauerjungs




Weil ich Hummeln im Arsch hatte, sprang ich am Frühstückstisch hin und her. Kasperte, alberte herum, machte Faxen und zog Grimassen, bis endlich alle lachten. Stieß mit meinem Ellenbogen den Becher mit dem heißen Kakao um und die Brühe lief mir über den nackten Oberschenkel. Gleichzeitig knallte es von rechts, denn ich fing mir eine Backpfeife meiner Mutter ein.
Ich schrie. Wusste nicht warum, ob wegen der Schelle oder wegen der Schmerzen auf dem Oberschenkel. Egal, ich schrie! Wie der Blitz sprang ich auf und rannte aus dem Haus über den Hof in unseren Garten.
Langsam ließ der Schmerz nach und meine Tränen trockneten. Ich suchte Trost bei meinem Kater, dem ich alles erzählen konnte. Er war grau-schwarz getigert und ich nannte ihn Dicker, weil er so dick war.
Mich nannte man Moppel, weil ich ebenfalls dick war.
Am Ende des Gartens stand ein roter Zaun und dahinter war ein weites Feld. Ich öffnete das Tor, um auf dem Feld mit meinem Kater zu spielen. Doch der Dicke büchste gleich aus und jagte Millionen fetter Mäuse. Ich ging zurück, holte meinen bunten Gummiball und spielte Fußball. Später kamen auch meine beiden älteren Brüder, um auf dem Feld Fußball zu spielen.
Dort versammelten sich die Kumpels aus der Umgebung. Sie wählten zwei Mannschaften, steckten zwei Tore ab, warfen die Lederülle in die Mitte und knödelten frei drauf los. Mich ließen sie links liegen. Ich war erstens zu dick, zweitens zu langsam und drittens viel zu jung.
So kickte ich den Ball vor mir her, gedankenlos, verträumt, nicht bei der Sache.
Bis mein schöner Ball mitten in den Grenzzaun flog.
Denn, was ich noch nicht erwähnte: an das Feld grenzte ein riesiger Stacheldrahtzaun. Ich rannte in das Stacheldrahtgewirr und versuchte meinen Ball herauszupopeln. Ich sah voller Entsetzen, wie das bunte Rund immer kleiner wurde. Mein Ball verlor Luft und somit auch sein Leben. Ich kroch in die Drahtfestung und riss mir meinen Oberschenkel auf. Ich starrte auf mein rotes, vom Kakao verbranntes Bein und sah, wie aus einem tiefen Riss das Blut quoll.
Ich humpelte übers Feld wie ein angeschossenes Reh. Am Gartentor empfing mich meine Mutter. Und als hätte ich nicht schon genug durchgemacht, zog sie mich an den Ohren durch den Garten bis in die Küche. Dort wurde ich endlich verarztet.
Anschließend gab es Stubenarrest. Nur zum Mittagessen durfte ich in den Garten, um meine beiden Brüder herbeizurufen.
Nach dem Mittag nahm mich meine Mutter zur Seite und erklärte mir zum wiederholten Male, warum dort im Feld so ein großer Zaun stand und dass ich auf keinen Fall in das andere Land gehen dürfe. Denn von dort käme ich nie wieder nach Hause. Verstanden habe ich es nicht.
Am Abend stand ich am Fenster meines Kinderzimmers, blickte übers Feld zum Grenzzaun und schaute noch weit darüber hinaus. Heute weiß ich, dass auf der anderen Seite Großziethen liegt.
Am nächsten Tag spielte ich wieder auf dem Feld, aber mit respektvollem Abstand zur Grenze. Auf unserem Spielplatz-Feld standen drei Autowracks herum. Ich glaube mich zu erinnern, dass es ein Trabi war, ein Wartburg und ein alter Auto Union. Ich saß gern in einem der Autos und lenkte wild herum, zappelte mit den Füßen und prustete mit dem Mund Motorengeräusche heraus. Ich fuhr dann meist in den Urlaub. Blickte mal nach rechts aus dem Autofenster und sah unser Siedlerhaus mit dem großen Garten. Links sah ich den Bunker, der seit dem Weltkrieg hier stand und den niemand abzuholen schien.
Dort spielten meine beiden älteren Brüder mit ihrer Horde Spielkameraden. Obwohl unsere Eltern uns auch ein Spielverbot für diesen Bereich erteilt hatten, erforschten alle gern das Innere des Betonklotzes. Nur ich durfte nicht mitkommen, weil ich der kleine dicke Moppel war.
Eine Mutprobe müsse ich machen, hieß es immer. Und heute war es so weit. Ich raffte mich zusammen, spazierte durch das hohe Gestrüpp, griff mal links nach unten, dann wieder rechts nach unten, um den auf dem wilden Feld herumliegenden Mut in meine Hosentaschen zu packen. Am Eingang des Bunkers hörte ich tief im Inneren die Stimmen der Großen und sah den Schein einer Taschenlampe. Gleich am Anfang führte eine Steintreppe ins dunkle Nichts.
Mein fünf Jahre älterer Bruder Manni kam nach oben. Er fragte, was ich hier wolle. Ich sagte: „Mitspielen, sonst sage ich Mama und Papa, dass ihr wieder im Bunker seid!“
Manni rief die anderen und sagte ihnen, dass ich vorhätte sie zu verpetzen, wenn ich nicht mit in den Bunker dürfe. Unser Nachbar Peter meinte: „Okay, aber du musst die Mutprobe machen!“ Gemeinsam stiegen wir auf einen Block oberhalb des Bunkers und ich musste von dort auf den kleinen Kiesberg nach unten springen. Es war sehr hoch! Doch wenn ich auch ein Großer werden wollte, musste ich springen. Bei der Landung verspürte ich einen stechenden Schmerz im Oberschenkel. Dort hatte sich eine riesige Scherbe reingebohrt.
Man erzählte mir, dass ich mit der Feuerwehr ins Krankenhaus gebracht wurde, weil ich wie ein angestochenes Schwein blutete. In jenem Sommer musste mein linker Oberschenkel sehr viel leiden und heute noch sieht man die Narbe meiner Mutprobe. Dennoch wurde ich im Kreis der Großen aufgenommen. Nicht weil ich gesprungen bin, sondern weil ich nach einer Vernehmung durch meine Eltern niemanden verraten habe.
Bevor der Sommer ging, passierte noch etwas Merkwürdiges an der Grenze. Die Jungs saßen auf einem Block oben auf dem Bunker und ich stand am Gartenzaun. Mit offenem Mund beobachtete ich das Schauspiel. Es ging eins zwei fix, da stellten sie eine Betonwand auf das Feld. Ich lief ins Haus und rief aufgeregt meine Mutter. Wir standen beide, sie in Küchenschürze und ich mit Verbandmull am Bein, am hinteren Gartentor und beobachteten, wie Arbeiter Betonpfeiler setzten und Mauerteile dazwischenschoben. Soldaten bewachten den ganzen Akt. Die Arbeiter trieben die Teile Stück für Stück voran, bis sie an einem Siedlergarten verschwanden.


...

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Freitag, 19. Juni 2009

Mauerstücke - Leseprobe 2




Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten
Hrgs. Bettina Buske und Patricia Koelle
ISBN 978-3-939937-08-1
180 Seiten
30 Farbfotos
Vorwort Walter Momper (Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses)
Geleitwort André Schmitz (Kulturstaatssekretär von Berlin)


Leseprobe
Anne Bergmann
Jazz in Berlin



Wenn die Stille selbst schon einen gewissen Lautstärkepegel besitzt, verlieren alle Geräusche an Stärke. Das Bellen eines Hundes klingt nicht mehr so gefährlich, Stimmen verlieren sich in der Luft, und es kann passieren, ein Flüstern versickert unbemerkt.
Hier in der Stadt ist es so, da ist die Stille nicht geräuschlos. Ich weiß das, denn ich kenne den Unterschied. Ich weiß, was völlige Stille ist. Die geborenen Städter mögen das nicht einmal bemerken, wie sie die Helligkeit der Nacht nicht bemerken. Man sieht hier in der Stadt lange nicht so viele Sterne wie in Drahnsdorf. Nicht einmal die Milchstraße schält sich aus dem orange-gelben Glimmen des Nachthimmels heraus.
Ich habe sie von Anfang an vermisst, gleich nach meiner ersten Nacht in Berlin, und ich habe die Stille vermisst. Vor allem aber auch die Geräusche, denn in der Stadt sind Geräusche nichts Besonderes mehr, sie gehen unter in ihrer Masse wie die Menschen.
Manchmal nimmt man jedoch ein besonderes Geräusch wahr – wie den Fetzen einer Saxophonmelodie. Manchmal begegnet man einem besonderen Menschen, doch dann überhört man ein Flüstern.
Ich hatte eine kleine Wohnung in Pankow bezogen, in der Nähe einer Kirche, deren Glocke ich zu jeder Stunde schlagen hörte. Bald brauchte ich dadurch nicht mehr auf die Uhr zu blicken – ich musste nur genau hinhören. Ja, wenn ich genau hinhörte, konnte ich mir, trotz der lauten Stille, besondere Geräusche ausschneiden wie Scherenschnittpapierfiguren.
Ich arbeitete in einem Modewarenhaus als Verkäuferin und Beraterin. Diese Anstellung habe ich durch Beziehungen erhalten. Ein Freund meines Onkels kannte jemanden dort. Endlich war ich weg von zuhause, endlich konnte ich tun und lassen, was ich wollte, solange ich nur immer pünktlich zur Arbeit erschien.
Doch was sollte ich mit so viel Freiheit anfangen?
Was macht ein musikliebender Dieb, der in einen Plattenladen eingebrochen ist? Wahllos über die Platten herfallen oder gelähmt vor den Verheißungen in bunten Hüllen sitzen, nicht fähig zu einer Entscheidung? Bis sein Kumpel ruft: „Jetzt hilf mir doch mal mit der Kasse!“
Für mich hätte wohl eher Letzteres gegolten. Die Freiheit wirkte plötzlich nicht mehr so verführerisch, jetzt, da ich sie erreicht hatte. Aus der Ferne betrachtet hatte sie interessanter ausgesehen. Außerdem kannte ich mich überhaupt nicht aus. Es gab so viele Möglichkeiten, aber ich kannte sie nicht.
Wo waren die Jazz-Clubs? Wo spielten die guten Musiker, in welchen Winkeln – abgeschirmt vor den missbilligenden Blicken des Vaterlandes? Aber auch abgeschirmt vor meinem interessierten Blick, das war das Problem.
Und ich vermisste die Sterne und die Stille ... konnte man das schon Heimweh nennen?
Eines Abends saß ich in meiner kleinen Wohnung und starrte an die Wand. Da war nicht so viel zwischen meinem Blick und ihr, ich hatte noch nicht viele Möbel. Überhaupt wirkte meine Wohnung gar nicht wohnlich, sondern noch unberührt von meinem Leben. Aber was erwartete ich denn ... zu diesem Zeitpunkt war auch mein Leben noch unberührt von meinem Leben.
Vor zwei Wochen war ich in Berlin angekommen, ich war gerade neunzehn Jahre alt geworden, die Beatles und die Stones waren noch nicht dabei, die Jugend der DDR zu vergiften, und Berlin war eine ungeteilte Stadt. Noch.
Von all diesen „Nochs“, die auf der Zeit lagen wie Adlerschatten auf einem Feld, wusste ich nichts.
Ich ließ mich aufs Bett fallen und schloss die Augen, aber nach einer Weile öffnete ich sie wieder und sprang auf.
In meinem Schrank hing ein dunkelblaues Kleid mit kleinen weißen Punkten. Es reichte mir nur bis zu den Knien, zeigte Bein. Ich hatte es mir selbst genäht, aber noch nie gewagt, es zu tragen. Immer hatte ich den richtigen Zeitpunkt abwarten wollen, aber wann war der richtige Zeitpunkt? Ich hielt den kühlen Stoff an meine Wange und wartete, bis er warm wurde. Jetzt war der richtige Zeitpunkt, beschloss ich schließlich und zog mir das Kleid über, fuhr mit den Händen durch meine Haare und schüttelte sie aus. Dann glitt ich in meine Schuhe, die nicht so ganz zum Kleid passten, und lief hinaus in die abendliche Stadt.
Wenn sich der Jazz nicht bemerkbar machte, würde ich ihn eben suchen.
Ich lief ohne Ziel, bog in Straßen ein, die ich noch nicht kannte. Meine Schritte waren leise. Beim Gehen schwang der Saum des Kleides um meine Kniekehlen und flüsterte Verheißungen. Das sanfte Streicheln gab mir ein Gefühl der Sicherheit, das ich noch nicht gekannt hatte.
Irgendetwas würde ich heute finden. Und wenn es nur eine Spur des Jazz war.
So in Gedanken versunken, bemerkte ich kaum, wie ich in den Westteil der Stadt gelangte. Erst als ich begann, auf die Straßennamen zu achten, wurde mir bewusst, wie weit ich gegangen war. Fasanenstraße, Pariser Straße.

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Wie diese Geschichte weitergeht, erfahren Sie in dem Buch "Mauerstücke - Erinnerungsgeschichten"

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